Wenn der Geist Armut erträglich macht

Eine Märchenstunde der anderen Art gab es im Rahmen der Jüdischen Kulturtage im Roten Saal des Deutschordensschlosses. Da wurde erzählt und begleitend gemalt.

 

Bad Mergentheim. Jüdische Kultur kennenlernen und damit auch Menschen zu begegnen, die Vergangenheit zu verstehen und damit die Grundlagen für eine bessere Zukunft zu schaffen, ist das Ziel der Jüdischen Kulturtage. Mit einer Fülle von Veranstaltungen haben die Kooperationspartner – die Gemeinde Igersheim mit der Manfred Schaffert-Bürgerstiftung, die Kaufmännische Schule und das Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim, das Jüdische Museum Creglingen und nicht zuletzt Adele und Roy Igersheim aus den USA – ein ebenso interessantes wie vielfältiges Bündel geschnürt. Ein Kulturtage-Programmpunkt war eine ganz besondere Märchenstunde im Roten Saal. Dort trat ein Duo auf, das, zumindest auf den ersten Blick, gegensätzlicher nicht sein könnte.

 

Museumsdirektorin Maike Trentin-Meyer stellt bei der Begrüßung die beiden Akteure vor, und so wird schnell klar: Begleitzeichen ist immer spannend, und eine Gildeerzählerin der Europäischen Märchengesellschaft macht Lust aufs Zuhören. Soviel sei vorab verraten: Die Erzählerin Kerstin Lauterbach und der Maler und Zeichner Michael Blümel ergänzen sich an diesem Abend wunderbar. Die Zuhörer und Zuschauer kommen voll auf ihre Kosten und erleben einen doppelten Spannungsbogen.

 

„Ich höre die Märchen heute zum ersten Mal“, sagt Blümel. Wie es ihm gelingt, in der Schnelle der Zeit passende Bilder zu schaffen, ist beeindruckend. Blümel braucht nur wenige Worte, um sie bildlich zu Papier zu bringen. Und jedes der im Laufe des Abends entstehenden zwölf Werke trifft und „bezeichnet“ im wahrsten Sinne des Wortes das von Kerstin Lauterbach vorgetragene Geschehen.

 

Jüdische Märchen sind anders, lernen die Zuhörer. Es fehlen, zumindest an diesem Abend, der Wolf, die vergiftete Jungfrau, die edlen (wachküssenden) Prinzen und auch die bösen Hexen – klassische Bestandteile der hierzulande wohlbekannten Grimm’schen Märchen. Vielmehr wird ein Bild des ganz normalen Lebens gezeichnet, und die Protagonisten sind die „kleinen Leute“.

 

Natürlich darf der arme Rabbi aus einer ebenso armen Gemeinde nicht fehlen, und an der Seite des schatzsuchenden Rabbi sind der Flickschuster, aber auch der (ehemals) reiche Kaufmann oder der Bettler. Ja, sogar ein Konvertit ist dabei, ein zum Katholizismus übergetretener Jude, der es bis zum Bischof bringt und im Alter feststellt, dass da doch einiges falsch gelaufen ist in seinem Leben.

 

 

 

Leid geklagt

 

„Wenn ich über die Juden schimpfte, hat das Volk das gerne gehört. Wenn ich gut über die Juden sprach, hörte kaum jemand zu“, sagt der Ex-Bischof seinem Besucher, der ihm von seinen Erlebnissen berichtet, darunter auch mit einem Bischof.

 

Als die beiden erkennen, dass sie sich begegneten im Leben und dann fröhlich zusammen essen, singen und tanzen, ist das eine der wahrhaft märchenhaften Wendungen in dieser bewegt erzählten Geschichte.

 

Die von Lauterbach frei vorgetragenen jüdischen Märchen – sie tut dies lebendig, mimik- und gestenreich, mit Schwung und Empathie – sind gesellschaftliche Spiegelbilder. Da fallen Städtenamen wie Prag oder Krakau, doch das eigentliche Problem ist global: Hier die einen, die armen, vernachlässigten und oftmals verachteten Teile der Gesellschaft, darunter viele Juden, dort der Reichtum und die Herrschenden. Da ergeben sich seltsame, ja verwirrende Situationen – und immer wieder zeigt sich bei den Agierenden, heißen sie Herschele oder Jakob, der Schalk im Nacken.

 

Und sie überstehen schwierige Lagen dank ihres hellen Geistes. Da wird ein einfacher Mann zum Ratgeber des Königs, weil er sich listenreich weigert, einen Gefangenen zu köpfen, da weiß der hungrige Bettler geschickt zu drohen, ohne seine Gastgeberin, die ihn zunächst abweist und dann bestens bewirtet, wirklich in Gefahr bringen zu wollen: „Sonst mache ich es wie mein Vater“, sagt der Bettler.

 

 

Was getan werden musste 

 

Was der denn gemacht habe, will seine Gastgeberin später wissen. „Er tat, was getan werden musste“, sagt der Bettler vielsinnig. Dass der Vater, da nicht eingelassen und zu Tisch gebeten, hungrig von dannen ging, sorgt dann für entspannte Zufriedenheit beim Publikum.

 

Karin Lauterbach und Michael Blümel bekommen viel Applaus, und sowohl in der Pause als auch nach dem Ende dieser besonderen Märchen- und Malstunde sind sie gefragte Gesprächspartner.

 © Fränkische Nachrichten, Freitag, 11.05.2018