Auftaktveranstaltung der Jüdischen Kulturtage

Für Offenheit und gegen das Vergessen

 

30. Mai 2017Autor: Simon Retzbach

 

Gegen das Vergessen und für Offenheit stehen die am Samstag feierlich eröffneten jüdischen Kulturtage, die von Schülerinnen aus der Kurstadt organisiert wurden.

Bad Mergentheim. Ganz im Zeichen von Vielfalt und Toleranz sollen die Kulturtage zum Kennenlernen einer wenig bekannten Religion und der damit verbundenen Lebensweise einladen.

Bei der Eröffnung stellten sich die Koordinatorinnen und Partner des Projektes vor, die ein so umfangreiches Programm erst ermöglicht haben. Ferner wurde das Projekt "Stolpersteinverlegung in Bad Mergentheim" erläutert und die Ergebnisse des Workshops "Jüdische Symbole kreativ erfasst" präsentiert.

Entstanden sind die diesjährigen Kulturtage als Projekt von drei Schülerinnen des Bad Mergentheimer Wirtschaftsgymnasiums in Kooperation mit der Gemeinde Igersheim, dem Deutschordensmuseum, der Kaufmännischen Schule, der Buchhandlung Moritz und Lux und dem Jüdischen Museum Creglingen.

Der weit gefasste Begriff "Jüdische Kultur" war das Thema eines Seminarkurses an der Schule, bei dem die Schüler eigenständig ein Thema finden und bearbeiten mussten. Lea Beer, Emily Baur und Lea Deppisch hatten beschlossen, die jährlich stattfindenden Jüdischen Kulturtage zu organisieren.

Entstanden sind diese durch eine 2010 gegründete Bildungspartnerschaft der Gemeinde Igersheim mit der Familie Adele und Roy Igersheim aus Washington. Die jüdische Familie hat ihre Wurzeln mutmaßlich in der gleichnamigen Gemeinde und engagiert sich seit nun sieben Jahren, um "den Holocaust zu verstehen und daraus zu lernen", erläuterte Rainer Iwansky, Rektor der Igersheimer Johann-Adam-Möhler Schule. Auch seine Schule hat in den vergangenen Jahren verschiedene Projekte zum Thema Holocaust mithilfe der Familie Igersheim umgesetzt. Bei den Kulturtagen gehe es mitnichten darum, an Vergangenes mit Wut und Hass zurückzudenken, sondern vielmehr darum, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen, um Radikalen und Extremisten keine Möglichkeit zur Manipulation zu bieten. "In der heutigen Zeit geht unser Bildungsauftrag weit über Wissensvermittlung hinaus", stellte der Pädagoge fest. Das Schicksal der Juden zeige, wozu Intoleranz, Menschenverachtung und Hass führen könnten. "Nur eine umfassende Bildung von Geist und Herz kann das verhindern", so Iwanskys Fazit.

Auch wenn sie nicht selbst anwesend sein konnten, ließ es sich die Familie Igersheim nicht nehmen, eine Botschaft aus Amerika an die Besucher zu richten. Roy Igersheim brachte seine Freude darüber zum Ausdruck, Teil des Projektes gewesen zu sein. Er und seine Familie haben eine enge Verbindung zu Igersheim und Deutschland, die Familiengeschichte sei untrennbar mit dem Holocaust verbunden. Er wolle den Jugendlichen dabei helfen, die eigene Geschichte und Vergangenheit zu verstehen.

Gleichzeitig sei die Teilnahme auch eine Ehrerbietung an seine Eltern, die in Deutschland unter der Herrschaft der Nationalsozialisten zu leiden hatten. Die Leiterin des Deutschordensmuseums, Maike Trentin-Meyer, sprach über die Bedeutung der jüdischen Kultur für die Stadt Bad Mergentheim. Die jüdische Gemeinde spielte in Bad Mergentheim früher durchaus eine größere Rolle, weshalb sich das Deutschordensmuseum gern zu einer Kooperation bereit erklärt habe. Bis zu 285 Juden lebten zeitweise in der Kurstadt, berichtete Trentin-Meyer. Als Bankiers und Kaufleute hätten es einige zu überregionaler Bedeutung und großem Erfolg gebracht, ehe es auch in Bad Mergentheim zu Vertreibungen und Deportationen kam. Mindestens 60 jüdische Mergentheimer Bürger seien in der NS-Zeit gewaltsam ums Leben gekommen.

Dr. Christoph Bittel vom jüdischen Museum in Creglingen betonte, wie wichtig es sei, an die die jüdische Kultur im Kreis zu erinnern. In seinem Museum werde die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Region dargestellt. So seien etwa acht Prozent der Einwohner Creglingens im 19. Jahrhundert jüdischen Glaubens gewesen, heute lebten dort keine Juden mehr.

Annette Breitenbach und Klaus Huth, die als Lehrkräfte den Seminarkurs betreut hatten, zeigten sich sichtlich stolz auf das von ihren Schülern Geleistete. Tolle Projekte seien in den Gruppen entstanden, neben der Organisation der Kulturtage hätten sich Sara Quenzer, Saskia Ehrmann und Jessica Kraft mit der Verlegung von sogenannten Stolpersteinen in Bad Mergentheim beschäftigt. Diese sollen an ehemaligen Wohnorten oder Arbeitsplätzen daran erinnern, dass Juden früher hier gelebt und gearbeitet hätten, ehe sie meist für immer verschwunden seien.

Der Seminarkurs sei eine Möglichkeit zum "Lernen außerhalb des Klassenraumes", beschrieben die Pädagogen das Konzept des Kurses, der den Fokus auf die individuellen Schicksale der Menschen lege. "Juden waren keine Opfer, sondern Menschen!", laute deshalb, so Klaus Huth, auch der Titel des Kurses.

Thematisch passend wurde die Veranstaltung von der Igersheimer Band "Skyline" sowie von Simon Eube und Lorena Beil musikalisch begleitet, die auf der Klarinette traditionelle jüdische Lieder spielten.

© Fränkische Nachrichten, Dienstag, 30.05.2017[1]


 

 



[1] https://www.fnweb.de/fraenkische-nachrichten_artikel,-bad-mergentheim-fuer-offenheit-und-gegen-das-vergessen-_arid,1055426.html